Dr. Oliver Schulz
Franz Karl Anton Reichsfreiherr Raitz von Frentz (1763-1821)
und die Mairie Meinerzhagen in der napoleonischen Zeit
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Der aus Meinerzhagen stammende und in Schwerte an der Ruhr tätige Pfarrer Johann Christoph Friedrich Bährens (1765-1833) schrieb nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft in der Grafschaft Mark einen Brief an den späteren Oberpräsidenten der Provinz Westfalen, Ludwig von Vincke (1774-1844), dem er zwei Listen beilegte. Eine dieser Listen nannte die Namen der aus Sicht Bährens‘ „braven deutschen Patrioten“, wohingegen die andere die „Antipatrioten“ bzw. „französische[n] Anhänger“ aufführte. In der letztgenannten Liste wurde unter anderem Franz Karl Anton Raitz von Frentz (1763-1821) genannt, der in der napoleonischen Zeit in Meinerzhagen das Amt des Maires (Bürgermeister) versehen hatte. Zwar kam er im Vergleich etwa zum Meinerzhagener Oberzolleinnehmer Schimmel, der als „unter aller Crittick schändlicher Hallunke“ bezeichnet wurde, noch recht glimpflich davon, dennoch ist die Erwähnung in dem Schreiben Bährens’ bemerkenswert.1 Was hätte den Zorn des Schwerter Pfarrers erregen können, dass er Raitz von Frentz in der Liste, die übrigens von Vincke angefordert worden war, als Parteigänger der französischen Herrschaft in Deutschland denunzierte? Auch der vorliegende Aufsatz kann auf diese Frage sicherlich keine endgültige Antwort geben, zumal das Archiv der Familie Raitz von Frentz seit dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs nicht benutzt werden kann und zur Zeit auch noch offen ist, in welchem Umfang und Zustand es wiedergefunden wurde. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt soll vielmehr ein Überblick über die Geschichte der napoleonischen Mairie Meinerzhagen und ihren Maire Franz Karl Anton Raitz von Frentz geliefert werden.2
1. Die Familie Raitz von Frentz in Meinerzhagen
Bei der Familie Raitz von Frentz handelt es sich um eine alte rheinische Adelsfamilie, die im späten 18. Jahrhundert unter anderem in Schloss Schlenderhan bei Köln ansässig war.3 Franz Karl Anton Johann Raitz von Frentz wurde am 15.4.1763 dort geboren. Er wurde 1780 bei der jülichschen und 1783 bei der kurkölnischen Ritterschaft aufgeschworen. Am 18.8.1789 heiratete er in Listringhausen Maria Freiin von Nagel zur Gaul.4 Diese war die einzige Tochter des Franz Adolph Joseph von Nagel (1741-1821), dessen Familie im Jahr 1708 die Familie von Neuhoff genannt Ley in Badinghagen durch Einheirat beerbt hatte. Im Jahr 1777 hatte der letzte Neuhoff-Ley in Listringhausen, Dietrich Friedrich Wilhelm von Neuhoff genannt Ley, Franz Adolph Joseph von Nagel außerdem das Gut Listringhausen übertragen, so dass nach Neuhoff-Leys Tod im Jahr 1778 beide Güter unter Franz Adolph Joseph von Nagel und später seinem Schwiegersohn Raitz von Frentz in einer Hand vereint waren.5 Abgesehen von dem Meinerzhagener Besitz besaß der Freiherr von Nagel auch noch Schloss Herl in der Nähe von Köln und den adeligen Vorteil des Gutes Nagelsgaul im Herzogtum Berg, war Mitglied der bergischen Ritterschaft und übte in Bornefeld und Hückeswagen im Herzogtum Berg die Funktion des Amtmanns aus. Durch die Heirat gingen diese Besitzungen Nagels ebenfalls in den Besitz der Familie Raitz von Frentz über.6
Für die Meinerzhagener Geschichte ist von besonderem Interesse, dass die Familien Nagel und Raitz von Frentz katholisch waren und sich in der seit der Reformation eindeutig protestantisch geprägten Grafschaft Mark niederließen. Sie erhielten das Recht, in Listringhausen für sich selbst und die vereinzelten Katholiken aus Meinerzhagen und den angrenzenden Gemeinden die katholische Messe lesen zu lassen. Hierfür hatte der Freiherr von Nagel mit dem Kirchenvorstand in Meinerzhagen gestritten und letztendlich im Jahr 1783 von der Regierung in Kleve Recht bekommen.7 Gleichzeitig behielten die katholischen Besitzer Badinghagens und Listringhausens aber auch Sitz und Stimme im Meinerzhagener Kirchenvorstand. Im Zusammenhang mit der Predigerwahl für die zweite Pfarrstelle 1804 unterzeichneten so Franz Adolph Joseph von Nagel und Franz Karl Anton Raitz von Frentz ein erhalten gebliebenes Protokoll zum Wahlverfahren.8 Die betont katholische Prägung beider Familien kann einem Listringhausener Inventar aus dem Jahr 1798 entnommen werden, in dem „3 beste gemählde“ des Heiligen Paul, des Heiligen Franziskus und des Heiligen Antonius in der Kapelle in Listringhausen vermerkt sind.9 Von der Familie von Nagel ist außerdem überliefert, dass sie sich kirchlich nach Marienheide in der benachbarten Herrschaft Gimborn-Neustadt orientierte. Die Gattin Franz Adolph Joseph von Nagels wurde 1795 dort beigesetzt. In der Marienheider Klosterkirche ist mit dem Altarblatt des Hochaltars zudem eine Stiftung der Familie von Nagel zu finden, über der das Allianzwappen der Familie angebracht ist. In der Bezeichnung „Listringhauser Kirchweg“ schlug sich die kirchliche Orientierung nach Marienheide ebenfalls nieder. Die Familie hatte den Weg von Listringhausen nach Marienheide ausbauen lassen, um zur Messe fahren zu können.10 Die Listringhausener Kapelle schließlich spielte eine Rolle bei der Gründung der katholischen Missionsgemeinde in Meinerzhagen Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Glocke im Torturm des Gutes, die während der Messen auf dem Adelssitz verwendet wurde, an die neu entstehende katholische Gemeinde in Meinerzhagen abgegeben wurde.11
Zur Wirtschaftsgeschichte Listringhausens und Badinghagens liegen im Bestand „Raitz von Frentz“ im Stadtarchiv Köln zahlreiche Quellen und in der Sekundärliteratur schon einige grundlegende Arbeiten vor, die die gemischte Erwerbsstruktur der Güter aus Land- und Forstwirtschaft einerseits und dem Metallgewerbe andererseits aufzeigen.12 Neben zahlreichen Pachtverträgen zwischen den Besitzern von Badinghagen und Listringhausen und verschiedenen Bauern ist vor allem das unternehmerische Handeln im Metallgewerbe von Interesse. Die Familien Nagel und Raitz von Frentz führten die Tradition der Neuhoff-Ley fort und erweiterten sie zum Teil sogar.13

Abb. 1: Listringhausen im frühen 20. Jahrhundert14
Sie betrieben die Hammerwerke, die sich im Übrigen mit Namen wie „oberm Osemundhammer“ auch in den Flurbezeichnungen niederschlugen, nicht selber, sondern verpachteten sie an Reidemeister.15 Die Verpachtung warf einiges ab – so benennt Eduard Fittig für das Jahr 1776 nur für den Listringhausener Osemundhammer eine Einnahme von 600 Reichstalern. Franz Karl Anton Raitz von Frentz ließ um 1800 den Listringhauser Raffinier- und Stahlhammer anlegen. Dieser wurde ebenfalls verpachtet und lieferte Stahl an Solinger Fabrikanten für die Herstellung von Messern und Schwertern. Pächter dieses Hammers war der Reidemeister Caspar Heinrich Nölle.16
Das unternehmerische Profil der Familie Raitz von Frentz ist hier deshalb von großem Interesse, da sich wirtschaftlich schwierige Zeiten wie die napoleonische Zeit mit ihren Exportbeschränkungen nicht nur auf die adeligen Besitzer und Verpächter von Hammerwerken, sondern auch auf die dort eingesetzten Arbeitskräfte unmittelbar auswirken konnten. So sind bereits aus dem letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts Krisenphänomene und soziale Spannungen überliefert, die 1795 angesichts steigender Brotpreise in Schwelm, Herdecke und Altena zu Hungerprotesten führten.17 Diese Unruhen sind auch für die Geschichte Meinerzhagens um 1800 von Bedeutung, da sie sich hier ebenfalls in einem anderen Zusammenhang entladen und unter anderem gegen den Freiherrn Raitz von Frentz richten sollten. 1797 brach ein Großbrand aus, der katastrophale Folgen für das Städtchen hatte.18 In dem Bericht über den Brand, der es immer wieder verdient, etwas ausführlicher zitiert zu werden, heißt es:
„Diese Allgemeinheit des Brandes ist durch eine Verwirrung der zur Löschung herbey geeilten Persohnen, vorzüglich durch die Kirsper Eingesessenen, welche im Rausch des Brandweins eine fürchterliche Prügeley veranlaßt haben, und durch die Brutalität eines hier stationierten Husaren vom Regiment von Blücher Nahmens Schirmer noch fürchterlicher geworden; dieser Husar soll sich die gröbsten Excesse erlaubt haben, während der Zeit, daß der hier auf Commando liegende Lieutenant vom Füslier Bataillon von Legat, nahmens von Deselskij und sein Commando sich sehr brav bezeigt, und die Einwohner aus allen Kräften unterstützt haben; die Kiersper gleich auch einige hiesige Einwohner haben die allgemeine Verwirrung durch Mangel an Subordination aufs höchste gebracht; man hat gesehen, daß der hiesige Bürgermeister durch freche Kerls übern Haufen geworfen und gewaltthätig behandelt worden, daß der zur Rettung herbey geeilte Freyh[err] von Frentz mit den härtesten Drohungen verfolgt, und nur mit Mühe aus den Händen dieser Leute gerettet worden ist; der Pächtiger Harhaus, Halfmann des Freyh[errn] von Nagel zu Badinghagen hat durch schleunige Flucht in das Haus des Bürgermeisters sein Leben von den Nachstellungen dieser Leute retten müßen; Man hat alles anwenden müßen, daß die Kirsper Feuer Sprütze nicht mit Gewalt mitten aus dem Feuer ist wieder abgefahren worden. Auf dem Kirchhof hat man mit lauter Stimme Freyheit und Gleichheit rufen hören. Einige Persohnen sind dergestalt mißhandelt worden, daß sie jetzt noch unter den Händen des Feldschers liegen, und es würde unter solchen Umständen vielleicht auch der übrig verbleibende Rest der Stadt ein Raub der Flammen geworden seyn, wenn nicht der Freyh[err] von Nagel von Listringhausen mit seiner Sprütze den Angrif der Flammen, von denjenigen Häusern, welche nach dem östlichen Theil der Stadt zu liegen mit rühmlicher Thätigkeit zurück gehalten hätte.“19
Zwar wird man den „Ruf nach Freiheit und Gleichheit“ nicht überbewerten dürfen, denn letztendlich war der Protest sicherlich zu unkoordiniert, und die Ordnung schien nur einen Augenblick lang zusammenzubrechen. Dennoch ist der Vorfall von besonderem Interesse, da er die sozialen Spannungen in Meinerzhagen verdeutlicht, die sich im vorliegenden Fall gegen den Freiherrn Raitz von Frentz als Adeligen und damit Mitglied des führenden Standes richteten. Diese sollten gegen Ende der napoleonischen Herrschaft erneut zum Vorschein kommen. Aus der Sicht des Freiherrn Raitz von Frentz muss es wie eine Ironie des Schicksals erscheinen, dass er ausgerechnet an seinem rechtsrheinischen Wohnsitz körperlich angegriffen wurde. Er hatte mit seiner Frau das linksrheinische Schlenderhan bereits vor dem Einmarsch der französischen Revolutionsarmee in das Rheinland im Jahr 1794 verlassen und war nach Listringhausen umgezogen. Die französische Herrschaft auf dem linken Rheinufer führte zu einer Reihe von Änderungen, die traditionelle Privilegien des Adels wie die Steuerfreiheit der adeligen Güter aufhoben. In Listringhausen kamen dann zwischen 1792 und 1812 auch seine insgesamt zehn Kinder zur Welt.20 2. Meinerzhagen in der napoleonischen Zeit
Die in den Unruhen zum Ausdruck kommenden Spannungen und die sehr schwierige Lage, in der sich das Städtchen Meinerzhagen nach dem Brand befand, sollten auch das beginnende 19. Jahrhundert bestimmen. Abgesehen von den materiellen Sorgen der Bevölkerung kamen die politischen Verwicklungen und die Auseinandersetzungen Preußens mit dem revolutionären bzw. napoleonischen Frankreich hinzu. Nachdem der preußische König Friedrich Wilhelm III. seinen märkischen Untertanen noch die Versicherung gegeben hatte, wie sehr ihm an der Grafschaft Mark gelegen sei, schuf die Schlacht von Jena und Auerstädt im Oktober 1806 eine völlig neue Situation.21 Die märkischen Stände ließen unter anderem den späteren Präfekten Gisbert von Romberg (1773-1859) aus Schloss Brünninghausen bei Dortmund mit dem französischen Befehlshaber in Münster, Louis Henri Loison, verhandeln, der Frieden von Tilsit (1807) sah vor, dass Preußen alle Territorien westlich der Weser abzutreten hatte, und Napoleon schlug im Januar 1808 die Grafschaft Mark dem Großherzogtum Berg zu. Bei diesem von Düsseldorf aus verwalteten Territorium handelte es sich um das alte Herzogtum Berg, das um weitere Territorien erweitert und Napoleons Schwager Joachim Murat (1767-1815) als erstem Großherzog übertragen worden war.22
Die Erforschung der Geschichte des Großherzogtums Berg ist in den letzten Jahren mit einer Reihe von Publikationen in Gang gekommen, was für die „Franzosenzeit“ in der Grafschaft Mark allerdings nicht gesagt werden kann.23 Hier herrscht weiterhin großer Forschungsbedarf bei einer nicht unbedingt ungünstigen Überlieferungslage.24 Die Entscheidung Napoleons im Januar 1808 bedeutete für Meinerzhagen Verschiedenes. Zunächst hörte die alte Landesgrenze zur Reichsherrschaft Gimborn-Neustadt auf, eine Territorialgrenze zu sein, sondern wurde zu einer Verwaltungsgrenze zwischen zwei Departements. Die französischen Behörden führten im Großherzogtum Berg dieselbe Verwaltungsstruktur ein wie in Frankreich, zu der unter anderem die Errichtung von Munizipalitäten zählte. Die Grafschaft Mark wurde schließlich mit einigen Grenzverschiebungen und Gebietserweiterungen als „Ruhrdepartement“ neu organisiert. Hamm verlor seine Funktion als Verwaltungssitz für das gesamte Gebiet, denn der Sitz der Präfektur befand sich in der ehemaligen Freien Reichsstadt Dortmund, die ihre Selbständigkeit ebenfalls einbüßen musste. Unterhalb der Departementsebene wurden die Arrondissements Dortmund, Hagen und Hamm mit Unterpräfekturen eingerichtet. Darunter befanden sich die Kantone als Bezirke der Friedensgerichte und ganz unten auf der lokalen Ebene die Mairien (Bürgermeistereien). Stadt und Kirchspiel Meinerzhagen wurden mit den Kirchspielen Kierspe und Rönsahl zur „Mairie Meinerzhagen“ zusammengefasst, und das Kirchspiel Valbert bildete mit Herscheid die „Mairie Ebbe“.25
Im Jahr 1808 kam es zu einer weiteren Änderung, da Napoleon seinen Schwager Murat in das Königreich Neapel schickte und seinen Neffen Napoleon Louis (1804-1831) zum neuen Großherzog von Berg bestimmte. Da sein Neffe noch ein Kleinkind war, führte Napoleon die Regierungsgeschäfte als Vormund. Neben dem in Paris amtierenden Staatssekretär für das Großherzogtum Berg, Pierre-Louis Rœderer (1754-1835) waren in der Verwaltung in Düsseldorf besonders wichtig der kaiserliche Kommissar Jacques Claude Beugnot (1761-1835) und Innenminister Johann Franz Joseph Graf von Nesselrode-Reichenstein (1755-1824).26 Beugnot verfolgte die Politik, für die Verwaltungsaufgaben im Großherzogtum Deutsche heranzuziehen, da er sich hiervon eine Integrationswirkung versprach. Da sich die Einführung der französischen Verwaltungsstrukturen und die Ernennung der entsprechenden Beamten unter Großherzog Joachim in die Länge gezogen hatten, führte Napoleon nun das französische Verwaltungssystem flächendeckend ein. Gerade in den erst 1808 hinzugekommenen Gebieten wie der früheren Grafschaft Mark hatte sich die Einführung der neuen Ordnung und die Ernennung der Beamten anders als etwa im Rhein-Departement mit der Hauptstadt Düsseldorf erheblich verzögert.27
Die Frage, wie auf der lokalen Ebene das entsprechende Personal ausgewählt und ernannt wurde, ist bisher noch nicht systematisch angegangen worden. Es ist allerdings bekannt, dass es zum Teil sehr schwer fiel, geeignete Personen für die verschiedenen Verwaltungsposten zu finden. Besonders extrem war dieses Problem sicherlich im adelsarmen Sieg-Departement mit seinen oberbergischen und vormals naussauischen Territorien, aber auch in der südlichen Grafschaft Mark mit relativ wenig Adel dürfte dies der Fall gewesen sein. Innenminister Nesselrode ging es darum, über das Kooperationsangebot an die deutschen Eliten diese an die französische Herrschaft zu binden. Das Argument der „Tauglichkeit“ der Bewerber sollte allerdings nicht aus den Augen verloren werden, und die Besitzer adeliger und großer Güter sollten in besonderer Weise berücksichtigt werden.28 Die Schwierigkeiten bei der Besetzung der Stellen werden unter anderem daran deutlich, dass der Präfekt des Ruhr-Departements, Gisbert von Romberg, erst 1809 in sein Amt kam, das er in der Folge oft nur widerwillig ausüben sollte.29 Über die genauen Umstände bei der Ernennung des Franz Karl Anton Raitz von Frentz zum Maire von Meinerzhagen ist bisher noch nichts Näheres bekannt. Im Familienarchiv „Raitz von Frentz“ hat sich kein entsprechendes Dokument mit einer Aufforderung, als Maire zur Verfügung zu stehen, erhalten. Unter Umständen kann eine genauere Durchsicht des Nachlasses Gisbert von Rombergs im Staatsarchiv Münster oder aber des Archivs der Familie von Holtzbrinck im Kreisarchiv Altena entsprechende Schriftstücke zutage fördern. Da das umfangreiche Holtzbrinck-Archiv leider immer noch nicht verzeichnet worden ist, können solche Funde jedenfalls nicht ausgeschlossen werden, zumal der frühere Altenaer Landrat Heinrich Wilhelm von Holtzbrinck (1766-1841), der bis 1811 Unterpräfekt in Hagen war, als ausführendes Organ einer Anordnung des Innenministers in Düsseldorf oder vielleicht sogar als Vorschlagender für die Besetzung der Bürgermeisterposten durchaus in Frage käme.30
Da sich im Holtzbrinck-Archiv eine Auflistung über alle Maires und Munizipalräte im Ruhr-Departement befindet, die in Dortmund erstellt und auf den 28.7.1809 datiert ist, muss man vielleicht davon ausgehen, dass sich die Ernennung des Franz Karl Anton Raitz von Frentz wie die Ernennung des Präfekten ebenfalls sehr in die Länge gezogen hat.31 Die bei Dresbach zu findende Angabe, Raitz von Frentz habe das Amt des Maires von 1807 bis 1813 ausgeübt, kann nicht zutreffen, da einige Argumente für 1808 oder 1809 als Ernennungsjahr sprechen. Da Raitz von Frentz das linksrheinische Schlenderhan bereits vor 1794 verlassen hatte, kann hieraus auch nicht geschlossen werden, er habe sich sehr um das Amt des Maires in Meinerzhagen bemüht oder große Anpassungsfähigkeit an die französischen Behörden bewiesen.32 Vielmehr verhielt es sich sicherlich so, dass es in Meinerzhagen und Umgebung, abgesehen von dem Freiherrn Johann Ludwig Wilhelm von Holtzbrinck in Haus Rhade – einem früheren preußischen Offizier – und einigen vermögenderen Unternehmern in den drei Kirchspielen keine geeigneten Kandidaten für das Amt gab und Raitz von Frentz es vermutlich notgedrungen übernahm.33 Die Amtsgeschäfte führte er, soweit es aus den erhaltenen und bisher durchgesehenen Akten ersichtlich ist, von Listringhausen und nicht von Meinerzhagen aus. Die weitere Entwicklung des Großherzogtums Berg mit ihren negativen Auswirkungen auf die Industrie infolge der Kontinentalsperre und der Zollgrenze am Rhein waren jedenfalls nicht dazu angetan, bei den adeligen Funktionsträgern, die gleichzeitig Unternehmer waren, die Sympathie für das französische Herrschaftssystem zunehmen zu lassen. Hinzu kam, dass diese Behörden Dekrete zur Ablösung der bäuerlichen Feudallasten erließen und damit die Adeligen in ihrer Eigenschaft als Grundherren angriffen.34 So berichtet Fittig – allerdings ohne Quellennachweis – davon, dass Raitz von Frentz in seiner Eigenschaft als Maire im April 1810 die Aufhebung des Mühlenzwangs verkündet habe.35
Mit welchen Aufgaben befasste sich Franz Karl Anton Raitz von Frentz, als er sein neues Amt angetreten hatte? Zunächst einmal musste er im Herbst 1809 den neu ernannten Präfekten von Romberg und damit einen hochkarätigen Gast in Listringhausen empfangen, da dieser eine Reise durch sein Departement unternahm und in Meinerzhagen übernachten musste.36 Eines der Themen, für das sich Romberg in seiner Amtszeit besonders interessierte, war die Verbesserung des Schulwesens in seinem Departement. Raitz von Frentz als Maire musste sich ebenfalls mit dem Schulwesen in Meinerzhagen befassen, da er gemeinsam mit Pfarrer Johann Caspar David Dümpelmann, dem Oberzolleinnehmer Schimmel und dem Apotheker Vormann den Schulvorstand bildete, der zur Verbesserung der örtlichen Schule beitragen sollte.37 Ein anderer Bereich, in dem der Maire tätig werden musste, war die Führung der Zivilstandsregister. Gemäß dem französischen Vorbild sollte dies nicht mehr die Aufgabe der Kirchen sein. Die Kirchenbücher mussten daher bei der Mairie abgegeben und Ehen, Taufen sowie Sterbefälle von der Mairie geführt werden. Weniger bekannt ist sicherlich die Vermessung der Munizipalität Meinerzhagen, die Raitz von Frentz am 5.7.1810 in Auftrag gegeben hatte. Am 22.8.1810 legte der Vermesser Johann Chr. Kleinjung die fertige Karte vor, die sich heute in der Kartensammlung des Staatsarchivs Münster befindet. Kleinjung weist übrigens auf der Karte darauf hin, dass die gesamte Munizipalität voller Gebirge sei und er aus Zeitmangel die Karte nicht vollständig habe ausarbeiten können.38
Der Maire war in seinem Tätigkeitsbereich aber auch mit zwei Bereichen konfrontiert, in denen er nicht selbst die Durchführung leitete, aber dennoch als Vertreter des napoleonischen Herrschaftssystems von der Bevölkerung ebenfalls sehr negativ gesehen wurde. Es handelte sich um die Durchsetzung des staatlichen Tabak- und Salzmonopols und um die Aushebung von Soldaten für die napoleonische Armee. Beide Fragen führten in der Bevölkerung zu Unzufriedenheit und gelegentlich zu offenem Aufruhr. Diese Amtsgeschäfte wurden übrigens auch von Romberg als besonders unangenehm empfunden. In Verbindung mit den wirtschaftlichen Schwierigkeiten in diesen Jahren, die dazu führten, dass immer wieder Petitionen von Unternehmern mit der Bitte um Angliederung des rechtsrheinischen Großherzogtums Berg an Frankreich verfasst wurden, musste das Unruhepotential in der Bevölkerung dramatisch zunehmen.39 3. Die Mairie Meinerzhagen und der Einfall der „Speckrussen“ Anfang 1813
Nachdem es bereits zuvor bei Rekrutenaushebungen – beispielsweise 1808 in Lüdenscheid – zu Protesten gekommen war, brachen im Januar 1813 im Bergischen Land Unruhen aus, die rasch auf die benachbarten Grenzregionen in der Grafschaft Mark übergriffen.40 Für Meinerzhagen waren die Unruhen von Bedeutung, die bei der Rekrutenaushebung in Gummersbach ausbrachen und der sich schnell die Arbeitslosen und ländlichen Unterschichten anschlossen, die unter der napoleonischen Herrschaft und insbesondere der Steuerpolitik besonders zu leiden hatten. Da in dieser Zeit Nachrichten im Umlauf waren, nach denen der russische Zar mit seiner Armee kurz vor dem Einmarsch in das Großherzogtum Berg stehe, ließen die zumeist mit Knüppeln bewaffneten Aufrührer, die in den wohlhabenderen Häusern Lebensmittel und Branntwein erpressten, Zar Alexander I. hochleben. Im Volksmund trugen sie daher den Beinamen „Knüppelrussen“ oder „Speckrussen“, obwohl es sich gar nicht um Russen handelte.41
Nachdem die Aufrührer in Gummersbach und Umgebung alles geplündert hatten, setzten sie sich in Richtung Meinerzhagen in Bewegung. Da die im Bereich der heutigen „Krim“ wohnhafte Familie Ohler, die dort den besten Gasthof der Stadt unterhielt und zu den wohlhabenderen Einwohnern Meinerzhagens gehörte, mit der ebenfalls zur ländlichen Führungsschicht zählenden Familie Paffenhöfer in Kalsbach verwandt war, war sie von ihren Verwandten bereits vorab gewarnt worden. Diese Information war für die Funktionsträger der napoleonischen Herrschaft in Meinerzhagen von besonderer Bedeutung, da sie es ihnen erlaubte, sich und Wertgegenstände rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Der Bericht der Tochter, Emilie Ohler, enthält interessante Details, müsste aber um weitere Quellen ergänzt werden. Aus diesem Bericht, der von Eduard Fittig zitiert und der seitdem immer wieder neu abgedruckt wurde, ist zu ersehen, dass er die Beobachtung eines Kindes enthält, das einen Teil seiner Informationen nach den Erzählungen erwachsener Familienmitglieder wiedergibt.42 In dem Bericht heißt es, dass die Frau des Oberzolleinnehmers Schimmel aufgrund der rechtzeitig eingetroffenen Warnung noch einige Möbel verladen und nach Siegen habe schicken können, wo ihr Mann seit kurzem Oberzolleinnehmer war. Als die Aufrührer in der Stadt Meinerzhagen eintrafen, war nicht überraschend das Haus des Oberzolleinnehmers das erste Ziel ihrer Plünderungen.43
Bevor sie dort eintrafen, hatten sie allerdings bereits Listringhausen heimgesucht und geplündert. Franz Adolph Joseph von Nagel, der schon seit einiger Zeit in Köln lebte und Listringhausen seiner Tochter und ihrer Familie überlassen hatte, sprach in einem Eintrag im Badinghagener Hauptbuch von gut 400 Aufrührern, die in Listringhausen Gebäude und Möbel beschädigt, die Mairieakten vernichtet und das Familienarchiv in Unordnung gebracht hatten. Dies könnte erklären, warum im Bestand „Raitz von Frentz“ im Kölner Stadtarchiv kaum Überlieferung aus dem frühen 19. Jahrhundert vorhanden ist.44 Auf Franz Karl Anton Raitz von Frentz hatte der Überfall der „Speckrussen“ jedenfalls einen tiefen Eindruck hinterlassen. Er schrieb am 5.2. 1813 an den Präfekten Romberg in Dortmund:
„…sogar hat man sich an mein Familienarchive vergriffen, mein Schaden ist groß. Ich war gezwungen zu flüchten, den mein leben war in gefahr, alles kam in solcher geschwindigkeit, ohne daß man daran denken konnte, daß es geschehen könne.“45
Der Aufruhr der „Speckrussen“ zeigte an, auf welch brüchigem Fundament die napoleonische Herrschaft in Teilen des Großherzogtums Berg mittlerweile stand. Nicht nur kam es zum Aufruhr, es passierten auch vermehrt Ausbrüche aus Gefängnissen, die die Behörden in Unruhe versetzten.46 Angesichts dieser Konstellation überrascht es nicht, dass auch die Mitglieder der Führungsschichten, die gegen die napoleonische Herrschaft eingestellt waren und auf die Rückkehr der Preußen warteten, mit den französischen Behörden zusammenarbeiteten, um die Unruhen niederzuschlagen und die Aufrührer, die auch in Kierspe und Rönsahl gewütet hatten, zu stoppen. Von Präfekt Romberg ist bekannt, dass er Aufrührer festnehmen und nach Düsseldorf bringen ließ. In einem Schreiben an Staatssekretär Rœderer ist auch von „Bürgerwehren“ die Rede, die für die Niederschlagung der Unruhen benötigt wurden, da die Gendarmerie in dieser Zeit mit den Rekrutenaushebungen beschäftigt gewesen sei.47 In diesem Zusammenhang sind einige interessante Dokumente entstanden, die ebenfalls für eine Sozialgeschichte Meinerzhagens um 1800 wichtige Informationen liefern. Im Staatsarchiv Münster ist unter anderem die Geschädigtenliste der Mairie Meinerzhagen zu finden, aus der die Namen der von den „Speckrussen“ geschädigten Einwohner der Stadt abgelesen werden können. Insgesamt nennt die Liste 28 Namen, wobei Oberzolleinnehmer Schimmel, Raitz von Frentz und Apotheker Vormann die Personen mit den größten erlittenen Schäden waren.48 Die 1797 aus Anlass des Großbrandes erstellte Brandkarte nennt 123 Hausstellen in der Stadt. Hier muss natürlich berücksichtigt werden, dass dieser Brand in einer ohnehin eher armen Region – 1783 wurde Meinerzhagen im Zusammenhang mit dem Chausseebau als „tote Stadt“ eingestuft – katastrophale Folgen hatte. So wurde beispielsweise der Turm der abgebrannten Kirche erst 1816 und damit fast 20 Jahre nach dem Brand wiederaufgebaut.49 Im Jahr 1804 war der preußischen Statistik zufolge die Bevölkerungszahl der Stadt Meinerzhagen mit 712 Einwohnern im Vergleich zu 702 im Jahr 1797 noch annähernd gleich. Im Kirchspiel Meinerzhagen hingegen war sogar ein Rückgang von 1.103 auf 1.027 Einwohner festzustellen, der in deutlichem Kontrast zur Entwicklung in den Kirchspielen Halver mit 2.515 bzw. 2.716 und Kierspe mit 1.789 und 1.850 Einwohnern stand.50 Auch wenn Statistiken in dieser Zeit mit Vorsicht zu behandeln sind, wird die Tendenz deutlich. Anders als in den dynamischen Kirchspielen Halver und Kierspe, in denen sich Ende des 18. Jahrhunderts aus dem Bergischen kommende neue Gewerbezweige ansiedelten, stagnierte die Entwicklung in Meinerzhagen. Nach dem Weggang des Pfarrers Hülsemann nach Elsey wurde 1808 auch die zweite Pfarrstelle eingezogen, was ein weiterer Beleg für die stagnierende bzw. sogar rückläufige Entwicklung in Meinerzhagen in dieser Zeit ist.51
So ist es auch nicht überraschend, dass in der Geschädigtenliste in dem Eintrag zum Akzisebüro die Stadt Meinerzhagen als „Gemeine, welche fast arm ist“ eingestuft wird. Die „Speckrussen“ hatten einen Ort heimgesucht und geplündert, in dem Anwesen wie Listringhausen oder das Haus des Oberzolleinnehmers die Ausnahme darstellten, und die Liste führt auch Geschädigte auf, deren Vermögen wie im Falle des unteren Pastorats als „mittelmäßig“ angegeben wird oder die sogar als „unbemittelt“ galten.52 Aus den Akten, die nach dem Aufstand entstanden, lassen sich nicht nur die beschädigten Gebäude ermitteln – neben den Häusern der in der Geschädigtenliste genannten Personen wurden auch die Gendarmeriekaserne, das Gefängnis sowie das Tabak- und Salzdepot beschädigt und geplündert – sondern auch die Täter. Nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft befasste sich auch die preußische Übergangsverwaltung mit den Vorfällen in Meinerzhagen. So ist in einer Aufstellung aus dem Jahr 1814, die 15 Haupttäter aufführt, die Rede von dem Maurer Christian Gries aus der Ortslage Im Hohl in der Mairie Gummersbach, der nicht nur an dem allgemeinen Aufruhr teilgenommen und mit einem Beil Möbel zerschlagen sowie Personen bedroht, sondern auch wesentlichen Anteil an der Plünderung und Zerstörung der Häuser des Apothekers Vormann und des Juden Meyer Stern gehabt hatte.53 Auch im Falle des Gastwirts sowie Zoll- und Wegegeldeinnehmers Caspar Wilhelm Isenburg, der in der Geschädigtenliste als von „mittelmäßigem“ Wohlstand beschrieben wird, kann der Täter eindeutig zugeordnet werden. Es handelte sich um Wilhelm Schöth aus Hackenberg im Kanton Gummersbach, der von Isenburg einen Betrag in Höhe von 6 Reichstalern und 40 Stübern erpresst hatte, was er in der Vernehmung später auch zugab.54 Eduard Fittig, der den Aufstand der „Speckrussen“ scharf verurteilte, schreibt übrigens, dass sich nur ein Meinerzhagener an den Unruhen beteiligt habe. Dieser Einwohner sei kurz zuvor aus dem Zuchthaus entlassen worden und habe noch versucht, den abfahrenden Wagen mit den Möbeln des Oberzolleinnehmers Schimmel zu erreichen. Da dies gescheitert sei, habe er sich den Aufrührern in Meinerzhagen angeschlossen.55 In Jacobis Aufstellung wird neben einem Johann Kattwinkel aus der Mairie Meinerzhagen, der also auch aus Kierspe hätte stammen können, noch ein Johann Peter Schriever aus Genkel genannt. Dieser hatte bei Privatpersonen Geld erpresst und war seit den Vorfällen auf der Flucht. Jacobi sprach sich für Milde in der Verfolgung der Taten Schrievers aus, da dieser erst 16 Jahre alt war und von Erwachsenen zu seinen Taten angestiftet worden sei.56 Da Fittig seine Angaben nicht belegt und die preußischen Behörden nicht alle Teilnehmer an dem Aufruhr verfolgten, kann seine Aussage nicht überprüft werden. Es mag sein, dass er die Meinerzhagener Bevölkerung von den aus seiner Sicht sehr bedauerlichen Vorfällen reinwaschen wollte. Ein Bericht des Hagener Unterpräfekten Untzer über den Verlauf der Unruhen spricht nämlich davon, dass die Aufrührer nach der Plünderung des Tabak- und Salzdepots in Meinerzhagen Tabak und Salz „unter die geringe Volksklasse“ verteilt hätten. Im Anschluss an die Verteilungsaktion seien die Gefangenen befreit, dem Oberzolleinnehmer ein Teil der Kasse geraubt und diesem sowie dem Wegegeldempfänger alle weiteren Einnahmen untersagt worden. Untzers Bericht spricht außerdem von der Vermutung des Maires Raitz von Frentz, er habe sich den Hass der Aufrührer zugezogen, weil er zuvor einige Schleichhändler habe festnehmen lassen. Diese hätten nach der Befreiung aus dem Gefängnis an der Spitze der Aufrührer gestanden. Der Sekretär der Mairie, der von den Aufrührern besonders bedroht worden war, hatte sich laut Raitz von Frentz seit Einführung der Polizeigerichte infolge seiner strengen Einhaltung der Gesetze bei der „gemeinen Volks Classe“ verhasst gemacht. Da Untzer „beim Tumult betheiligte Eingesessene“ erwähnt, die eine eigene Untersuchung erhalten sollten, spricht sehr viel dafür, dass Fittig stark untertrieben hat. Die Situation 1813 stellt sich vielmehr so dar wie eine Neuauflage der Vorfälle während des Großbrandes von 1797, als ebenfalls die sozialen Spannungen im Ort zu einem kurzfristigen Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung geführt hatten. Genaueres kann aber erst gesagt werden, wenn noch weitere Quellen zur Strafverfolgung nach dem Aufstand der „Speckrussen“ ermittelt und durchgearbeitet worden sind.57
Franz Karl Anton Raitz von Frentz war, wie das Zitat aus seinem Schreiben an Romberg deutlich macht, tief getroffen von den Ereignissen Anfang 1813. Er beschrieb auch die allgemeine Atmosphäre in Meinerzhagen und war der Meinung, „daß ein jeder abdanken will“ und insbesondere für das Amt des Salz-Debitanten nun nur schwer jemand zu finden sei.58 In einem weiteren Schreiben an den Präfekten sprach er sich daher auch dafür aus, die Mairie Meinerzhagen angesichts ihrer dem Präfekten bekannten „Dürftigkeit“ vor weiteren Einquartierungen zu verschonen. Da sich die Lage wieder beruhigt habe, sei die Einquartierung von Truppen zur Patrouille in Meinerzhagen und Umgebung nicht nur überflüssig, sondern sogar drückend für die Bevölkerung.59 Es überrascht nicht, dass er das Amt des Maires abgab und mit seiner Familie von Meinerzhagen nach Schlenderhan zurückging. Apotheker Vormann wurde sein Nachfolger als Maire.60 Raitz von Frentz, der 1821 in Bad Godesberg verstarb, spielte in der Zeit der Befreiungskriege eine wichtige Rolle als Vorsitzender des Kreisausschusses in Bonn und erhielt am 16.1.1816 die Ritterwürde sowie den preußischen „Roten-Adler-Orden“ verliehen.61 Sein Porträt, von dem eine Fotografie erhalten ist, zeigt ihn mit diesem Orden und muss daher um 1816/1817 entstanden sein.62

Franz Karl Anton Reichsfreiherr Raitz von Frentz (1763-1821)63
4. Schlussbetrachtung
Was ist von dem Wirken des Franz Karl Anton Raitz von Frentz als Maire von Meinerzhagen insgesamt zu halten? Ist die Kritik Bährens‘ berechtigt, der ihn als „Franzosenfreund“ brandmarkte, und dies, obwohl er selbst der napoleonischen Herrschaft gedient und 1808 den Eid auf Napoleon Bonaparte abgelegt hatte?64 Bährens, der sich von Ludwig von Vincke zur Denunziation anstiften ließ, war also auch ein Funktionsträger des napoleonischen Systems genauso wie die von ihm kritisierten Personen. Trotz der besonderen Bedeutung, die die Städte Meinerzhagen und Schwerte Bährens als Helden der jeweiligen Stadtgeschichte zuschreiben, ist im Hinblick auf seine nicht immer einfache Persönlichkeit sicherlich ein kritischerer Blick angebracht. Der kritisierte Freiherr Raitz von Frentz hat sich jedenfalls nicht grundlegend anders verhalten als andere Funktionsträger der napoleonischen Herrschaft in der Region. Sicherlich stellte die napoleonische Herrschaft eine Beeinträchtigung seiner Interessen als Grundherr und Unternehmer dar, als er aber 1813 angesichts des Aufruhrs in der Stadt vor die Wahl gestellt wurde, zog er eine Zusammenarbeit mit den französischen Behörden vor, um Ruhe und Ordnung wiederherzustellen und seinen Besitz zu sichern. Obwohl er sich hiermit nicht von anderen Funktionsträgern der napoleonischen Herrschaft unterschied, wurde er mit dem Vorwurf der Kollaboration konfrontiert. Allerdings war die Zeit gegen Ende der Befreiungskriege von einem national aufgeladenen Klima geprägt, in dem vor allem dem Adel vorgehalten wurde, nicht patriotisch und national eingestellt zu sein.65
Für die weitere Beschäftigung mit der Geschichte der Familie Raitz von Frentz in Meinerzhagen und im Hinblick auf die allgemeine Stadtgeschichte um 1800 ist im vorliegenden Aufsatz hoffentlich deutlich geworden, wie wichtig die Staatsarchive in Münster, Düsseldorf und auch Berlin für die heimatgeschichtliche Forschung sind. Angesichts der nicht mehr vorhandenen Altbestände im Stadtarchiv Meinerzhagen vor allem aus der Zeit vor 1800 müssen die Bestände in den Staatsarchiven mit der Überlieferung im Archiv der evangelischen Kirchengemeinde und im hoffentlich bald wieder benutzbaren Archiv der Familie Raitz von Frentz in Köln zueinander in Beziehung gesetzt und immer im Zusammenhang mit der Entwicklung des Gesamtterritoriums gesehen werden. Hinsichtlich der dringenden Forschungsaufgaben zur Meinerzhagener Stadtgeschichte scheint die Sozialgeschichte ein besonders wichtiges Feld zu sein. Der Zeitraum zwischen dem Ende des Siebenjährigen Krieges 1763 und dem Ende der napoleonischen Herrschaft 1815 scheint hier mit der Erhebung Meinerzhagens zur Stadt, den Stadtbränden von 1770 und 1797, der Steuern- und Abgabenlast in preußischer und napoleonischer Zeit, Kriegen und Einquartierungen sowie dem 1797 und 1813 ausbrechenden Protest von Teilen der Bevölkerung ein besonderes Interesse beanspruchen zu können.
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